“Raubvögel“ – fliegende Kinderräuber und Menschenfresser in den Alpen ?

Ein Vortrag von Michel Gengler für „Wildes Bayern e. V.“ am 16. Juni 2018 
 
In dem hervorragenden Buch des Kosmos-Verlages "Die Greifvögel" der Autoren Dr. Theo Mebs und Dr. Daniel Schmidt steht in der Einleitung zu lesen: "Alte Darstellungen von Greifvögeln vermitteln oft das einseitige Bild der ‘schädlichen Raubvögel‘, da sich Menschen früher von Adlern und Geiern tatsächlich bedroht sahen."  Tatsächlich war die Existenz der Menschen in den Alpen früher von Adlern und Geiern bedroht - indirekt und direkt. Indirekt durch den nicht staatlich ausgeglichenen Verlust von Weidevieh. Direkt durch tatsächliche Angriffe auch auf Menschen.  Ich habe heute drei, wie ich hoffe auch für Sie interessante, Beispiele aus der Schweiz dabei.  In alten Archiven sind weitere Vorfälle zu finden.  Zwei Beispiele sind aus dem 18. Jahrhundert und ein Beispiel ist noch aus dem 19. Jahrhundert:  1763 Anna Zurbucher, fast dreijährig, Berner Oberland bei Habkern, Kanton Bern  1778 ein Hirtenknabe, Alter unbekannt, Silbernalp, Kanton Schwyz  1870 ein 14-jähringer Junge, bei Reichenbach, Kanton Bern.
 
Was haben die drei ausgesuchten Fälle gemeinsam?  Nun, alle drei Vorfälle geschahen im Sommein bergigem Gebiet. Welches wilde Tier hat damals den extremen Lebensraum der Berner und Glarner Alpen bejagt? 
 
Der Mensch konnte dort im Sommer durch die Herstellung von Hartkäse und die spätsommerliche Lieferung von Jungvieh in die Täler existieren. Die Almidylle heutiger Tourismuskonzepte war noch lange nicht in Sicht. Es war ein Leben in großer Armut trotz schwerer Arbeit. 
 
Die Vogelangriffe: 
1. Fall  ein genaues Datum liegt vor: 12. Juli 1763; ein fast dreijähriges Mädchen wird von einem Greif verschleppt; dieses Mädchen war mit hoher Wahrscheinlichkeit zierlicher und damit deutlich leichter als ein heutiger dreijähriger Wonneproppen und hatte vermutlich um 10 kg Körpergewicht.
 
2. Fall  ein Hirtenbub, Alter unbekannt , wird 1778 auf der Silbernalp durch einen Greif getötet;  ich vermutete ebenfalls Sommer, da eine Beweidung nur in den Sommermonaten möglich ist;  das Geographische Lexikon der Gebrüder Attinger von 1902 bestätigte meine Vermutung: "hoch über dem Rossmatterthal am Osthang der Silbern gelegene Alpweide, die Ende Juni auf blos zwei Monate hinaus mit Schafen bestossen wird."  
 
3. Fall  der am besten dokumentiert ist; 2. Juni 1870, Angriff bei Reichenbach auf einer Almwiese auf einen 14-Jährigen mit kleiner jedoch kräftiger Statur. 
 
Warum haben diese Angriffe alle im Sommer stattgefunden?  Bedingt durch eine starke Bevölkerungszunahme und Ausdehnung der schneefreien Bergweiden sind mehr Menschen im Jagdgebiet der Vögel präsent.  Die stärkste Motivation für ein Wildtier - außerhalb der Paarungszeit - ist die Gewinnung von ausreichend Nahrung. Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage. 
 
Warum wurde im Juni und Juli besonders viel Fleisch von den großen Vögeln benötigt? Nun, in diesem Zeitraum ist der Nachwuchs flügge und der Nahrungsbedarf ist immens hoch. Warum sind Angriffe in den Jahren 1763 bis 1870 leicht in der Literatur zu finden? Was ist in diesen knapp 100 Jahren geschehen?  Was hat sich entscheidend verändert?  Von 1760 bis 1790 gab es auffällig lange sommerliche Niederschlagsperioden die die Vögel ausgehungert haben, da sie dann nicht starten. Für 1870 ist das Zurückweichen der Gletscher bekannt sowie ganzjährig wenig Niederschlag und kaum Schneeanhäufung in den Bergen. Dies könnte bedeuten, dass mangels Schnee kaum Lawinen abgegangen sind und dadurch keine tierischen Lawinenopfer aufzufinden waren. In diesen Zeitraum fällt auch der Einsatz von Gewehren, die wesentlich einfacher abzufeuern waren. Durch bessere Gewehre wurden zuerst die Bestände der natürlichen Beutetiere der großen Vögel sehr stark verringert. Zusätzlich fällt in diesen Zeitraum in der Schweiz aber auch die starke Bejagung, Vergiftung - und letztendlich Ausrottung der drei großen Jäger Braunbär, Wolf und Luchs. Von den Beuteresten dieser drei begnadeten Jäger haben unsere gesuchten "Täter" über Jahrhunderte profitiert.  Als Angriffsursache ausschließen können wir die Gewöhnung der Vögel an den regelmäßigen Verzehr von Menschenfleisch. Nahe Schlachtfelder gab es in diesem Zeitraum nicht. Ebenfalls  auszuschließen ist die Prägung der Vögel durch Überlassung von Verstorbenen an bestimmten Plätzen; d.h. die archaische „Luftbestattung“ gab es in der Neuzeit im Alpenbogen nicht. 
 
Details der Angriffe:
1. Fall  2. Juli 1763, Berner Oberland  ein fast dreijähriges Mädchen verschwindet und wird lebend und leicht verletzt wieder aufgefunden. Verletzt lediglich am linken Arm und an der Hand wo es anscheinend gepackt und weggeschleift worden war. "Schuhe, Strümpfe und Käppchen waren verloren" – was auf einen wilden Ritt über das Hanggelände schließen lässt.  Hier vermute ich als Täter ein ausgewachsenes, großes Steinadlerweibchen welches das im Gras liegende Kind unter dem Strohhut des Vaters hervor gezerrt und hangabwärts geschleift hat. Ein großer Vogel fliegt am Fundplatz des Mädchens ab. Mit drei Jahren konnte das Mädchen sicher den Tathergang schildern - nachdem der Schreck überwunden war. Ob der Greif seinen „Fehlgriff“ los lies weil das Kind laut zu schreien begann bleibt Spekulation. 
 
2. Fall  Sommer 1778, Silbernalp, Kanton Schwyz, ein Hirtenknabe wird mit den Fängen von einer Felskante gezerrt oder evtl. mit den Schwingen hinuntergeprügelt, wie es erfahrene Steinadler mit Gemsen tun. Andere Sennen sind Zeuge wie der große Greif das getötete Absturzopfer anfrisst. Allerdings gibt es außer dem Steinadler eine weitere Vogelart, die durch den beabsichtigten Einsatz der Flügel als Prügel mögliche Beute aus Felswänden zum Absturz bringen versucht. Womit wir beim 3. Fall sind. 
 
3. Fall  4. Juni 1870 bei Reichenbach, Kanton Bern, ein 14-Jähriger wird auf einer Almwiese - ohne Absturzgefahr - Opfer eines massiven Angriffs durch einen großen Vogel.  Der Vogel setzt seine kräftigen Flügel ein, mit denen er von hinten kommend, kräftig nach dem Kopf des Buben schlägt „als würde man Sensen zusammenschlagen“. Dann versucht der Vogel den Knaben mit den Fängen am Boden zu halten und bearbeitet ihn mit "wuchtigen Schnabelhieben", die bis auf den Schädelknochen eindringen.  Dies klingt nach einem sehr entschlossenen Steinadler.  
 
Hier die detaillierte Beschreibung des Täters durch den überfallenen Johann Betschen, der den Angreifer mit Faustschlägen abwehren konnte und auch nicht an einer Infektion verstarb:
  • ein fürchterlich gekrümmter Schnabel
  • Flügel mit weißen Flecken
  • ein Ring um den Hals ein wüstes Gestrüpp am Schnabel
 
Hier fällt uns natürlich sofort auf, dass diese Beschreibung nicht auf den Steinadler passt.  Es klingt nach einem Alp-Traum! Es klingt nach Halluzinationen. Ein Ring um den Hals? Ein wüstes Gestrüpp am Schnabel? Hat der Knabe auf der Almweide etwa spitzkegelige Pilze konsumiert und ist gestürzt? Sind die Geschichten der Älpler über menschenfressende Greife doch frei erfunden oder das Ergebnis von Rauschzuständen? Keineswegs. Es gibt diesen Vogel. Es ist ein in den Alpen (wieder) heimischer Vogel.  Der 14-jährige Johann Betschen wurde von einem alten Bartgeier angegriffen. Die Bedrohung der Älpler erfolgte also durch zwei Arten die offensichtlich häufig verwechselt wurden:  der Steinadler und der Bartgeier 4
 
Wie kam es zu diesen Verwechslungen? 
Den Begriff „Geier“ gibt es nur im deutschen Sprachraum. „Geier“ ist auch heute noch umgangssprachlich die Benennung für jeden Greif, für jeden großen Vogel mit Hakenschnabel. Der Bartgeier der „Lämmergeier“ genannt wurde und in manchen Sprachen heute noch so heißt, schleift keine großen Lämmer oder Kinder weg, da seine Fänge zu schwach sind. Der "Lämmergeier" der tatsächlich Lämmer und Kitze greift ist der Steinadler. Beide setzen jedoch die Flügel ein um Gemsen in Steilwänden zum Absturz zu bringen. Die Verwechslung der Arten in den Alpen liegt daran, dass der junge Bartgeier jahrelang ein dunkles Gefieder trägt, welches ihn dem alten, dunkel gefärbten Steinadler sehr ähnlich macht. Auch erscheinen die Schwingen des jungen Bartgeiers breiter, ähnlich denen des alten Steinadlers. Auch sind Größe und Flugbild  ähnlich, jedoch hat der Bartgeier eine deutlich größere Spannweite, was auf große Distanz jedoch schwer zu unterscheiden ist. Mit Grimmer, Hosenaar, Jochgeier, Gemsengeier, Gemsenadler und Lämmergeier wurden damals beide Arten benannt.
 
Müssen wir nach der Wiederansiedlung des Bartgeiers in den Alpen und seiner Ausbreitung bei Bergtouren Angst um unser Leben haben?  Ja. Das müssen wir. Wir sind in den Bergen bedroht von: Lawinen, Eisschlag, verdeckten Gletscherspalten, Schneesturm, Bergrutsch, Steinschlag, Blitzschlag, Erschöpfung, Dehydrierung, brüchigen Pfaden und brüchigen Routen.
 
Die Gefahr von einem Steinadler oder Bartgeier angegriffen zu werden halte ich derzeit - bedingt durch ein großes Nahrungsangebot bestehend auch aus wilden Huftieren - für sehr gering.  Meine Erfahrung als sommerlicher Bergläufer ist, dass der Mensch im Karwendel Tirols die Gamsbestände nicht wie in Oberbayern „minimiert“.  Die Gene sehr aggressiver Vögel haben wir vor langer Zeit vernichtet; damals leider auch alle anderen. Im Alpenbogen hüten Kinder heute auch nicht mehr das Vieh, sondern gehen stattdessen in die Schule.
 
In Bayern gab es den Bartgeier bei Benediktbeuren, Ettal, Hohenschwangau und bei Berchtesgaden. Die mutmaßlichen Bruthöhlen gibt es noch heute. Unter gewissen Bedingungen ist es dem Bartgeier möglich in seiner Felsenhöhle das Licht einzuschalten. Bei geeignetem Raumklima der Bruthöhle, geeigneter Ausrichtung und Nutzung des Brutplatzes über einen langen Zeitraum kommt es vermutlich durch chemische Vorgänge an Beuteresten und Vogelkot zu einem bei einsetzender Dunkelheit deutlich erkennbaren, nicht flackernden Lichtschein. Ob das Milieu des Brutplatzes den Bartgeier veranlasst eisenoxidhaltige Suhlen aufzusuchen ist hiermit zur Diskussion gestellt. Sicher ist, dass die Farbe Rot eine sehr große Anziehungskraft auf den Vogel hat. Für Hirten und Jäger der Vergangenheit war die überwältigende Größe des Vogels und sein auffälliges Verhalten nicht nur bemerkenswert, sondern vermutlich äußerst verstörend. Bemerkenswert ist, dass heute bei manchen alpenländischen Perchtenläufen deren kraftvoller Ursprung vermutlich der Wunsch nach Beeinflussung damals unkontrollierbarer Wildtiere und Naturgewalten war, seltene Schnabelmasken getragen werden, die einem Bartgeierkopf sehr ähnlich sind. Bei weiterer Ausbreitung des Bartgeiers könnte er auch wieder als Brutvogel ins wilde Bayern zurückkehren. Im Allgäu, im größten Almgebiet Bayerns,  taucht der Bartgeier gelegentlich schon als (Be-)Sucher auf. Der Steinadler, sein Doppelgänger der alten Zeit, hält in Oberbayern die besten Reviere zwar besetzt, doch hat sich der Bartgeier durch die Spezialisierung auf große Knochenstücke eine Nahrungsquelle geschaffen, die ihm das Überleben sichern könnte. Eine Art Zonierung, wo verendetes Weidevieh vom Almbauern nicht entfernt werden muss, wäre von Vorteil. Landes- und EU-Gesetze ermöglichen dies derzeit noch nicht. Absichtliche, dauerhafte Futterstellen sind heikel, da man damit auch andere Aasfresser an den Menschen gewöhnt. 
 
Warum von diesen extremen Vorfällen berichten, wenn man sich für Wildtiere engagieren will? Es gab Angriffe großer Wildtiere auf Menschen. Falls es durch besonders aggressive Einzeltiere wieder zu Attacken kommt und wir bekannte Belege zurückgehalten haben, sind wir unglaubwürdig. Um heute bei der Rückkehr imposanter Wildtiere richtig agieren und reagieren zu können, muss man die Gründe der Angriffe, die Zusammenhänge kennen. Die historischen Angriffe von Steinadler und Bartgeier waren im stetigen Entzug von überlebenswichtiger Nahrung begründet. Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit. 
 
M. Gengler 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Foto: alter, hell gefärbter Bartgeier;  mit freundlicher Genehmigung von Alex Brehm 
Quellen: Naumann, Girtanner, Schinz: Der Lämmergeier Mebs, Schmidt: Die Greifvögel Europas, Nordafrikas und Vorderasiens Pfister: Das Klima der Schweiz 1525 – 1860 France-Harrar: Mikroorganismen Berg: Der Lämmergeier im Himalaja Golowin, Hofmann: Pilze Peter, Filser: Alpendämonen Fotos: Gengler 
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